Ausstellung

Muscles Of Beauty

Alle wollen es schön haben und die Rede von der Schönheit ist so alltäglich, dass man fast geneigt ist, von einem Triumph der Ästhetik zu sprechen – eines Willens zur Schönheit, in welcher Variante auch immer. Schönheit figuriert als ästhetisches Optimum, gerade auch da, wo über Geschmack gestritten wird. Schönheit, so scheint es, richtet sich an ein spezielles Sensorium, den besonderen Geschmack einer Fangemeinde. Dabei kommt heute kaum jemand noch mit einem Geschmack aus, wir kultivieren meist mehrere Geschmäcke, Parallelgeschmäcke, was uns erlaubt Triviales, Komplexes, Kitsch und Anspruchsvolles zu vereinbaren.

In alledem lässt sich leicht eine Verelendung der Kantschen Vorstellungen von der Kunstrezeption im Modus interesselosen Wohlgefallens sehen. Interesselosigkeit im Sinne Kants meint die Abkehr vom eigenen Wünschen und Wollen, von eigenen Zwecken und Zielen zugunsten der Begegnung mit dem Kunstwerk. Das Wohlgefallen resultiert aus der Sensibilität für das Schöne, die als „übersinnliches Substrat der Menschheit“, eine uns allen gemeinsame Möglichkeit der Erfahrung bedeutet, einer Erfahrung, die begrifflich letztlich nicht fassbar ist. Kant und seine Nachfolger, Schiller vor allem, waren mit Ihrem Kunstverständnis überaus einflussreich und so ist es kein Wunder, wenn auch heute noch ästhetische Wertschätzung – abschließend und unhintergehbar – mit dem Ausdruck begründet wird: „ … weil es mir eben gefällt, deshalb!“

Wenn aber das, was Kunst letztlich ausmacht, in Begriffen nicht ausgedrückt werden kann, wenn wir, salopp gesagt, über die Kunst im Kunstwerk nicht sprechen können, bedeutet dies umgekehrt, dass das, worüber wir bei einem Kunstwerk sprechen können, immer nur das ist, was daran eben nicht Kunst ist und deshalb begrifflich fassbar bleibt. Dazuhin kann jetzt alles zur Kunst werden, so lange es jemanden gibt, der in einem x-beliebigen Artefakt „Kunst“ zu entdecken vermag.

Der zeitgenössische Kunstbetrieb ist geprägt von diesem Dilemma. Einerseits kann heute potenziell alles „Kunst“ sein, sofern jemand für „die Kunst“ daran empfänglich ist, andererseits ist „Kunst“ in einem wesentlichen Sinn den Begriffen nicht zugänglich, „Kunst“ ist letztlich nicht mehr vermittelbar. Traditionsbildung ist nicht mehr möglich, nur noch “Erfolgsstories“, deren Triumphalismus NachahmerInnen motiviert. Parallel dazu florieren Kunstvermittlung und Texte zur Kunst in nie gekanntem Maß.

Da wundert es nicht, dass in den letzten Jahren zunehmend von „Kunstpraktiken“ und nicht mehr von „Kunst“ die Rede ist. „Kunst“ als „Kunstpraxis“ verstanden, bedarf nicht mehr eines besonderen Sensoriums für „die Kunst“, sie erklärt und rechtfertigt sich im Nachvollzug, im Mitmachen.

Der Schriftzug The Muscles Of Beauty und meine künstlerischen Arbeit insgesamt, thematisiert dieses instabile Verhältnis von Kunst und Nicht-Kunst, von Sinn und Sinnlosigkeit, das die Kunst seit der Moderne kennzeichnet, genauso wie diesen vagen Begriff des Schönen, bildnerischer Stimmigkeit, ästhetischer Evidenz. Besonders deutlich wird dies bei den Bildern durch den Verzicht auf einen durchgängigen Bildraum und eine stilistische Synthese. Unterschiedliche Bildelemente, Bildsprachen und Bedeutungen werden zusammengefügt, dabei konstruieren die Bilder keine Einheit oder gar Totalität, die Verbindungen zwischen den Bildelementen bleiben oft lose, Fugen, Brüche, Weißräume werden nicht überbrückt.

Die Bilder reflektieren damit etwas, was ich als Bedingung auch des Alltags erfahre, wo wir ständig aufgerufen sind, „uns einen Reim zu machen“, Annahmen über die Welt zu machen und in Frage zu stellen. Immer wieder sind wir aufgerufen, unsere „provisorischen Lebensorientierungen“ (O. Marquard) neu zu justieren. Genau damit sind auch die Menschen in meinen Bildern beschäftigt und dazu gehört Naivität, Neugier und die Bereitschaft zum Staunen. Diese Arbeit am „Sinn“, die Fragilität und Offenheit unserer Sinnkonstruktionen vermittelt sich im ästhetischen Raum der Bilder als Form, Komposition, Konfiguration, Montage, Zusammenstellung, Vernetzung unterschiedlichster Bildelemente – in der Verwandlung von bildnerischem Material in offene Sinnräume, für mich ein wesentliches Moment von „Schönheit“. Insofern zeigen die Bilder hoffentlich genau dies auch, the muscles of beauty at work.

Tillmann Damrau - DER PALAST, 2013, Mixed Media auf Leinen, 130 x 150 cm

Tillmann Damrau – DER PALAST, 2013, Mixed Media auf Leinen, 130 x 150 cm

Tillmann Damrau – Muscles of Beauty

Zur Eröffnung der Ausstellung
am Mittwoch, dem 11. September 2013, um 19.30 Uhr
lade ich Sie und Ihre Freunde sehr herzlich ein.

Einführung: Anja Rumig M. A.
Der Künstler ist anwesend.

Ausstellungsdauer: 12. September bis 2. November 2013
Öffnungszeiten: Di – Fr: 14 – 19 Uhr, Sa: 11 – 16 Uhr u. n. V.

21. – 22. September: ART ALARM, 14. Galerienrundgang
Samstag, 21. September 2013, 11 – 20 Uhr
Sonntag, 22. September 2013, 11 – 18 Uhr

An beiden Tagen, jeweils um 16 Uhr, liest Tillmann Damrau aus: Konrad Bayer, »der sechste sinn«.
© Konrad Bayer, Sämtliche Werke. Hrsg. von Gerhard Rühm. Überarb. Neuausgabe. Klett-Cotta, Stuttgart 1996.

Galerie Anja Rumig | Ludwigstraße 73 | 70176 Stuttgart
Telefon: 0711 – 26346363 | Telefax: 0711 – 26346323
http://www.galerie-anjarumig.de | info@galerie-anjarumig.de

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