Allgemein

Koinzidenz

Manchmal scheint es wirklich, als lägen, fein verteilt, Ideen in der Luft und verschiedene Menschen an unterschiedlichen Orten und zu unterschiedlichen Zeiten bezögen sie von dort. Den letzten Sonntag hatte ich damit zugebracht das neue Buch von Grant McCracken, „Chief Culture Officer“, zu lesen, das ich hiermit noch einmal zur Lektüre empfehlen möchte, dass es nur in Englisch vorliegt und eine deutsche Übersetzung auch nicht absehbar ist, sollte nicht davon abhalten.

Am  2. November verbreitete ich über Twitter,

a good painting isn’t a goal, there are guidelines to help you along, it’s intelligent art that counts …

bei Grant McCracken las ich,

Design may have existed to make the world attractive to the eye. Now it exists to make the world attractive to the mind. (McCRACKEN, S. 143)

Ich denke, es hieße den Satz von Grant McCracken missverstehen, glaubte man, er wolle schlicht andeuten, dass die Botschaft der Kunst von Marcel Duchamp, speziell der ab 1913 entstandenen „Ready-mades“, heute beginne das Design verändern.

Duchamp hatte vor knapp hundert Jahren gewöhnliche Gebrauchsgegenstände zu Ausstellungen eingeliefert und diese als Kunstwerke präsentiert, 1917 nannte er ein Urinoir „Fountain“ (Brunnen, Springbrunnen, Ursprung) und signierte es mit R. Mutt. Diese „Ready-mades“ waren eine Art „Linguistic Turn“ der Bildenden Kunst, parallel zum „Linguistic Turn“ der Philosophie, jener Wende der Philosophen hin zur Analyse der Sprache als Bedingung der Möglichkeit von Erkenntnis, ursprünglich in der von Ludwig Wittgenstein formulierten, nobel asketischen Hoffnung , was sich sagen ließe, ließe sich klar sagen und worüber man nicht sprechen könne, darüber schweige man eben.

Marcel Duchamp Fountain

Marcel Duchamp; Fountain, 1917, fotografiert von Alfred Stieglitz

Duchamp verabschiedete sich vollständig vom „Ausdruck“ von der „Malerei“, dem Zauber der Peinture seiner Landsleute, und den wilden Formerfindungen der Expressionisten und des Spaniers Picasso, der sich anschickte der berühmteste Maler seines Jahrhunderts zu werden.

Duchamp sagte all dem höhnisch „Servus!“ und widmete sich einem dandyhaften Spiel mit Zeichen und deren Bedeutungen, er setzte gegen die Arbeit der Kleckser eine Geste der Beseelung: ein handelsübliches, wenig Aufsehen erregendes Urinoir, in einer Kunstausstellung platziert, verwandelte sich in Kunst.

Daran verblüffte nicht nur die Chuzpe der Geste, die nicht mehr auf „Poesie“ zielte, sondern aufs Demonstrative – im Unterschied zu Lautréamont, einem der Gründerväter der Moderne, der, noch ganz Poet, „schön“ „die unvermutete Begegnung einer Nähmaschine und eines Regenschirms auf einem Seziertisch“ nannte.

Marcel Duchamp visualisierte einen Modus Operandi der Innovation, ein Innovationsmuster: Nimm etwas, ein Ding, ein Zeichen, eine Zeichenkette, löse das aus der Selbstverständlichkeit des gewohnten Zusammenhanges heraus und verpflanze es in eine neue Umgebung, in einen neuen Zusammenhang. Diese Neukombination von Zeichen, Zeichenketten und Kontexten führt zu einer Wechselweisen „Verflüssigung“ ihres Sinnes; Zeichen, Zeichenketten und Kontexte sind nicht mehr, was sie vorher waren.

Die Betrachter ziehen dabei Kunstgenuss nicht mehr aus klassisch ästhetischen Momenten, sondern aus der Operationalisierung ihres Kunstbegriffes. Das Urinoir von Duchamp erlaubt  mir, mein Verständnis, mein Modell von Kunst so zu modifizieren, dass es auch ein Pissoir als Kunst akzeptiert. Das kann ich im Grunde mit jedem  beliebigen Gegenstand wiederholen und die Kunstgeschichte der letzten einhundert Jahre bietet Beispiele für diese „Operation“, dieses Innovationsmuster, zuhauf.

Diese beliebige Wiederholbarkeit aber birgt die Gefahr, dass die Geste zum Kunstgriff absinkt, zum bloßen Trick, der uns mit der wenig hilfreichen Behauptung zurücklässt, „Das ist Kunst!“. Mentale Beweglichkeit ist da nicht mehr gefordert, Schluss mit der Verflüssigung des Sinnes, dem Spiel mit Zeichen und Bedeutungen.

Dass dieses Innovationsmuster, jenseits mechanischer Wiederholung, dennoch nach wie vor fruchtbar ist und dies auch in der Populärkultur, beschreibt Grant McCracken in „Chief Culture Officer“ (S. 34) anhand der Serie „Sex and the City“ (HBO, USA, 1998–2004). „Sex and the City“ zeigt berufstätige, junge, großstädtisch akkulturierte Frauen in einer Weise, die bis dato eher Männern vorbehalten war.

Die Serie konfrontiert ein Rollenbild mit Verhaltensweisen, die nicht zu diesem Rollenbild passen, das weckt Interesse und setzt etwas in Bewegung. Wichtig dabei ist, dass die Serienerzählung diese Innovation nicht als Muster vorführt, sondern einen narrativen Kontext bietet, der es Zuschauern erlaubt sich zu engagieren.

Und genau hierauf zielen die Bemerkungen von Grant McCracken über Design und meine über die Kunst, es ist, bei allen Unterschieden, für Design sowohl wie für Kunst heute wichtig, Raum für die mentale Intervention der Menschen zu bieten – das heißt, jenseits formelhafter Innovationsmuster Gelegenheiten für Empathie und Reflexion zu schaffen.

Kunst und Design in diesem Sinne suchen nicht mehr „die gültige Form“, sie werden eher zu Werkzeugen in einem übertragenen Sinn, Werkzeuge zur Partizipation, Kommunikation und Selbstentfaltung.

Die Hervorbringungen von Kunst und Design sind dann nicht mehr der krönende  Abschluss eines Klärungsprozesses unter den Gesichtspunkten funktionalistischer Reduktion und symbolischer Verdichtung, sondern ästhetische Kreuzungspunkte verschiedener Erzählstränge.

Das Ziel wäre dann nicht mehr ein Diskurs und die Trennung von „richtig“ und „falsch“, sondern das Reden – dafür allerdings muss man auch etwas zu erzählen haben.

Post Scriptum:

„Die Moderne, …, war formal im Wesentlichen autoritär und in ihrem kulturellen geistigen Inhalt aristokratisch.“ (HASSAN, S. 15)

Die Diskussion um die Postmoderne ist nun schon Jahrzehnte alt, aber es scheint, als verlören die Doktrinen der Moderne in Kunst und Design erst heute, beschleunigt durch die fortschreitende Digitalisierung, endgültig an Bedeutung.

Quellen:

HASSAN, IHAB; Joyce, Beckett und die postmoderne Imagination, in MAYER, HANS und JOHNSON, UWE (Hrsg.), Das Werk von Samuel Beckett – Berliner Colloquium, (Suhrkamp) Frankfurt a. M. 1975

LAUTRÉAMONT, COMTE DE (ISIDORE DUCASSE); Die Gesänge des Maldoror, (Heyne) München 1976, S. 173

McCRACKEN, GRANT; Chief Culture Officer, (Basic Books) New York 2009

WITTGENSTEIN, LUDWIG; Tractatus logico-philosophicus, (Suhrkamp) Frankfurt  a. M. 1963 S. 7 u. S. 115

Zum Dandytum der Moderne:

WIENER, OSWALD; Eine Art Einzige, in VON DER HEYDEN-RYNSCH, VERONIKA (Hrsg.); Riten der Selbstauflösung, (Matthes & Seitz) München 1982

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