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Geburtstagsfeier mit Karotten-Mob

 

Dieses Jahr gab es viel zu feiern, 40 Jahre Woodstock zum Beispiel und den 250. Geburtstag von Friedrich Schiller, den 40. Jahrestag der Mondlandung, 60 Jahre Grundgesetz und den 20. Jahrestag des Falls der Berliner Mauer. Wer wollte, konnte den 200. Geburtstag von Edgar Allan Poe, Felix Mendelssohn-Bartholdy, Abraham Lincoln, von Charles Robert Darwin und von Heinrich Hoffmann, dem Erfinder des Struwwelpeter, feiern. Nur 100 Jahre alt wären dieses Jahr Golo Mann, Eugène Ionesco und Hilde Domin geworden, Max Beckmann dagegen hätte es auf 125 Jahre gebracht, Sir Arthur Conan Doyle  auf immerhin schon 150, Gottlieb Daimler auf stolze 175, die finstere Tristesse einer Feier zum 500. Geburtstag bei Johannes Calvin wollte ich mir dagegen lieber nicht vorstellen, stattdessen gedachte ich lieber des 250. Todestages von “the charming brute“ Georg Friedrich Händel. „Viva il caro Sassone!“

Bescheidene 30 Jahre alt wurde dieses Jahr ein Buch, das recht unscheinbar als Auftragsarbeit für die Regierung von Quebec begonnen hat, aber seitdem rasch zu einem Schlüsseltext der Postmoderne avanciert ist. 1979 veröffentlichte der französische Philosoph Jean-François Lyotard bei Les Editions de Minuit sein Buch „La Condition Postmoderne: Rapport sur le Savoir“. Eine Wiener Zeitschrift veröffentlichte den Text 1982 erstmals auf Deutsch. Beim Wiener Passagen Verlag erschien, diesen Oktober in der nunmehr sechsten Auflage, unter dem Titel „Das postmoderne Wissen“ eine revidierte Fassung dieser Übertragung ins Deutsche.

Das Postmoderne Wissen

LYOTARD, JEAN-FRANCOIS; Das postmoderne Wissen - Ein Bericht, (Passagen Verlag) Wien 2005

„Postmoderne“ ist ein eher ungeliebtes Wort, als Epochenbegriff ist es das Provisorische nie richtig los geworden. Richtig heimisch ist „Postmoderne“ als Stilbegriff eigentlich nur in der Architekturgeschichte. Zweifel wurden und werden vorgebracht, ob das, was wir unter „Postmoderne“ verstehen, nicht nur eine weitere Spielart bekannter Phänomene ist. Mangels Besserem taucht „Die Postmoderne“ dennoch allenthalben auf, zu Recht, entspringt das Neuwort doch wesentlich dem Bedürfnis der Entfremdung unseres Lebensgefühls vom Furor der Moderne, ihrem revolutionären Entweder-Oder, ihren eschatologischen Hoffnungen, ihrer unseligen Neigung zu Austilgung und Terror Ausdruck zu geben. Zugleich dient es dazu, die gesellschaftlichen Folgen der Vielzahl neuer Medien und der fortschreitenden Digitalisierung zu etikettieren.

Dies sind auch die beiden Stränge, die „Das postmoderne Wissen“ von Lyotard durchziehen: erstens, die technologische Transformation und, zweitens, die Erosion der beiden großen „Erzählungen“ der Moderne, jener von der Komplettierung des Wissens und der vom sozialen Fortschritt, der Emanzipation des Einzelnen – die Geschichten von den HeldINNen der Erkenntnis und den HeldINNen der Freiheit.

Das Buch ist gut lesbar, eher ungewöhnlich für einen französischen Philosophen. Es ist immer noch aktuell und das nicht nur wegen Sätzen wie diesen:

Das Selbst /… / ist nicht isoliert, es ist in einem Gefüge von Relationen gefangen, das noch nie so komplex und beweglich war. Jung oder alt, Mann oder Frau, reich oder arm, ist es immer auf „Knoten“ des Kommunikationskreislaufes gesetzt, / … /. (LYOTARD, S. 55)

Die Öffentlichkeit müsste freien Zugang zu den Speichern und Datenbanken erhalten. (LYOTARD, S. 192)

Die Aktualität des Buches ist auch insofern bemerkenswert, weil es geschrieben wurde, als das Internet noch in seinen akademischen Kinderschuhen steckte und bevor der PC allgemein verbreitet war.

Die Rede vom Ende der großen Erzählungen (grands récits) ist wohl der populärste Teil von „Das postmoderne Wissen“. Laut Lyotard ist die Moderne geprägt von zwei großen Hoffnungen und Anstrengungen, die eine gilt der Akkumulation des Wissens durch die von Wilhelm von Humboldt als Hort des spekulativen Geistes konzipierte Universität, die andere, damit zusammenhängend, der Emanzipation des Individuums zum Zwecke seiner vollen Entfaltung. Gemeinsam ist Ihnen, dass diese „großen Erzählungen“ , diese „Meistererzählungen“ nicht nur Geschichten sind, sondern legitimierende Konzepte, da sie unablässig vom Happy End des wissenschaftlichen und gesellschaftlichen Fortschritts „erzählen“, in dessen Licht Bildung, Anstrengung und Kampf ihren Sinn und Zweck finden. Historisch versinkt dieser Optimismus bereits im Dreck der Schützengräben des  ersten Weltkrieges, Ernst Mach, Ludwig Wittgenstein, Arnold Schönberg, Robert Musil, Hermann Broch, Hugo von Hofmannsthal und Adolf Loos nennt Lyotard hierfür als Zeugen.

Die Einheit des Wissens ist zerfallen in eine Vielzahl von Wissenschaften, die Naturwissenschaft vor allem sind mehr und mehr praktisch, Ingenieurswissenschaften geworden, sie legitimieren sich durch Anwendbarkeit, Technik. Um Rechtfertigung mühen müssen sich dagegen die Geisteswissenschaften, fällt es ihnen doch schwerer, den Input an Arbeit und Geld mit einem entsprechenden Output an evaluierbarem, gesellschaftlichem Nutzen zu legitimieren.

Für  Lyotard ist klar, dass die Naturwissenschaften eine andere Art Wissen hervorbringen als die Geisteswissenschaften oder, weiter gefasst, das erzählende, narrative Paradigma, das seit mythischen Zeiten für die Menschen essenziell ist.

Das wissenschaftliche Wissen kann weder wissen noch wissen machen, dass es das wahre Wissen ist ohne auf das andere Wissen – die Erzählung – zurückzugreifen, das ihm das Nicht-Wissen ist; andernfalls ist es gezwungen, sich selbst vorauszusetzen und verfällt so in das, was es verwirft, die Petitio principii, das Vorurteil. (LYOTARD, S. 90)

Von hier lässt sich eine Traditionslinie ziehen hin zu Giambattista Vico (1668 – 1744) und seinem 1725, 1730 und 1744 in jeweils veränderten Fassungen erschienen Hauptwerk „Scienza Nuova“. Vico war wohl der Erste, der Natur- und Geisteswissenschaften unterschieden hat.  Mit dem Hinweis, dass die Naturwissenschaften bestimmte Sachverhalte – nämlich jene, die im weitesten Sinne zur Kultur zählen – nicht erkennen könnten, weil ihre Methoden solcherart Erkenntnisse nicht zuließen, stellte er sich gegen den universellen Geltungsanspruch von Cartesianismus und französisch inspiriertem Rationalismus.

René Descartes

Frans Hals, Portrait René Descartes, 1649, Öl auf Leinwand, 69 × 78 cm, Musée du Louvre, Paris

Ein Nachhall davon findet sich noch bei Ludwig Wittgenstein im „Tractatus logico-philosophicus“

Wir fühlen, dass selbst, wenn alle möglichen wissenschaftlichen Fragen beantwortet sind, unsere Lebensprobleme noch gar nicht berührt sind. (WITTGENSTEIN, S. 114)

Lyotard schließt durchaus zuversichtlich was die Zukunft angeht und ich denke da trifft er sich mit zeitgenössischen Positionen, wie denen von Henry Jenkins und Howard Rheingold oder der Arbeit von Patricia Aufderheide und dem Center For Social Media, die sich vom Zusammenspiel der neuen Technologien mit einer neuen Narrativität, mit einer neuen Erzählfreude, auch eine Ausweitung der politischen Teilhabe größerer Teile der Bevölkerung versprechen.

Diese neue Erzählfreude zeigt sich auch in Phänomenen wie den Chatrooms, Fan-Fiction, Twitter, Facebook, Xing, dem Projekt Wikipedia, geschätzten  50 Millionen Blogs zu den unterschiedlichsten Themen, 1,8 Millionen Bands auf MySpace und mehr als 80 Millionen Videos auf YouTube.

Henry Jenkins moderierte jüngst, während der Futures of Entertainment 4-Konferenz, eine Diskussion zur Verbindung von transmedialem Erzählen und politischem Aktivismus. Ein ausführlicher Beitrag dazu findet sich in seinem Blog, worin er auch auf das Carrotmob-Projekt und dieses Video verweist.

 

 

In der Welt des postmodernen Wissens geht es nicht mehr darum, den Verlust der großen Erzählungen vom allumfassenden Fortschritt durch Wissenschaft mittels einer neuen „Meistererzählung“ zu kompensieren, eine „reine“ Alternative zum Bestehenden zu finden, diese wäre ihm nur wieder ähnlich – selbst die Sehnsucht danach ist wohl abhanden gekommen. Die Konsequenz ist jedoch nicht die Barbarei, sondern das Wissen darum, dass die Rechtfertigung im Alltag in der „kommunikationellen Interaktion“ zu finden ist. Hier begründen sich Verantwortung, Erkenntnis und Entscheidung.

Es zeichnet sich eine Politik ab, in der der Wunsch nach Gerechtigkeit und der nach Unbekanntem gleichermaßen respektiert sein werden. (LYOTARD, S. 193)

 

Quellen:
JENKINS, HENRY; Convergence Culture: Where Old and New Media Collide, (New York University Press) New York, London 2006
LYOTARD, JEAN-FRANCOIS; Das postmoderne Wissen – Ein Bericht, (Passagen Verlag) Wien 2005
McCRACKEN, GRANT; Chief Culture Officer, (Basic Books) New York 2009
RHEINGOLD, HOWARD; Smart Mobs, (Perseus Books) Cambridge MA. 2002
WITTGENSTEIN, LUDWIG; Tractatus logico-philosophicus, (Suhrkamp) Frankfurt a. M. 1963

Zu Giambattista Vico:
BERLIN, ISAIAH; Wider das Geläufige, (Europäische Verlagsanstalt) Frankfurt a. M. 1982

 

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