Allgemein

The Book & Das Bild

Der amerikanische Autor Mark Z. Danielewski ist anlässlich des Erscheinens der deutschen Übersetzung seines jüngsten Romans „Only Revolutions“ auf Lesereise durchs deutschsprachige Europa. Danielewski wurde bekannt durch seinen Erstling „House of Leaves“(2000), dessen deutsche Version „Das Haus“ 2007 bei Klett-Cotta in Stuttgart erschienen ist, wie übrigens jetzt auch die von „Only Revolutions“.  Es versteht sich daher von selbst, dass Danielewski auch im Stuttgarter Literaturhaus gelesen hat, wobei – gelesen hat hauptsächlich Thomas Böhm, der den Abend moderierte; Mark Z. Danielewski hat vor allem Fragen beantwortet und Geschichten erzählt. Danielewski ist, wie alle Künstler vom Nordamerikanischen Kontinent, die ich bisher erlebt oder kennen gelernt habe, ein unprätentiöser, geistreicher und freundlicher Typ, dessen Umgänglichkeit  frei von Anbiederung ist.

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Thomas Böhm fragte Mark Z. Danielewski zum Ende des Abends was DAS BUCH, The Book, für ihn sei. Danielewski antwortete, das Buch sei für ihn vor allem der Roman wie er sich im 19. Jahrhundert, entwickelt habe, das  heißt, eine literarische Gattung, die vom Gedicht bis zum Zeitungartikel die verschiedenartigsten Texte zwischen zwei Buchdeckeln zusammenbringen könne. Unsere Vorstellung von einem Roman sei gewöhnlich aber bestimmt vom Bild eines Autors, einer Autorin, die uns, wie Vater oder Mutter die Welt erklärten, von der Erwartung einer monolithischen Stimme, einer  „monolithic voice“, die Ordnung ins Durcheinander unserer Erfahrung brächte. Er dagegen denke,  dass es interessanter und unserer Erfahrung angemessener sei, eine größere Vielstimmigkeit zuzulassen, schließlich hätten wir gewöhnlich zwei Elternteile, andere Verwandte , Freunde, und … und …, die alle eine Stimme beitrügen im Chor der Welterklärungen, ja, gerade die Unterschiedlichkeit dieser Stimmen sei wichtig und der der Roman dafür eine geeignete Form.

In diesem Zusammenhang verwies er auf unsere Begrenztheit, unser aller Endlichkeit, weniger im Sinne eines existenzialphilosophischen Seins zum Tode, sondern mehr im Sinne einer beschränkten Kapazität – wir wissen und verstehen nicht alles, wir sind darauf angewiesen, uns beim Verstehen der Welt mit dem zu behelfen, was uns an Wissen zur Verfügung steht und gegebenenfalls dazuzulernen, andere zu fragen. Wir sind auf unsere provisorischen Lebensorientierungen (Odo Marquard) angewiesen, weil wir den großen, den absoluten Überblick nicht haben.

Daher, so Danielewski, sei die Vielstimmigkeit der Welterklärungen eigentlich nicht Ungewohntes für uns, genau genommen sei diese alltäglich – und der Roman sei als Gattung, als Form elastisch genug um diese unterschiedlichen Stimmen zusammen zu bringen und zwar, ohne dass eine davon das letzte Wort habe.

Dann wurde es etwas komplizierter: Wie etwas erzählt werde, bestimme unsere Wahrnehmung eines Sachverhaltes, das hieße aber auch, dass diese unsere Wahrnehmung ändere, wenn uns von jemand anderem eine andere Geschichte über den jeweiligen Sachverhalt erzählt werde. Eine erzählte Geschichte verweise auch immer auf etwas, was nicht erzählt, oder durch das Erzählte verdeckt werde – es stelle sich die Frage, „Warum wird mir diese Geschichte erzählt und weshalb wird sie mir so erzählt?“

Die Vielzahl und Unterschiedlichkeit der Stimmen, die den Roman – DAS BUCH – ausmachen, ergeben jetzt nicht mehr einen abschließenden Sinn, eine „Botschaft“, auch ist es nicht angemessen, wenn wir nur diese Stimmen, Erzählungen, Geschichten in Ihrer Unterschiedlichkeit nebeneinander stehen lassen, vielmehr müssen wir der Mobilität ihrer Beziehungen entsprechend, lesend aktiv nachgehen. Es ist das Spezielle des BUCHES, eine bestimmte Konstellation von Stimmen vom Hintergrund der vielstimmig erzählten Welt abzuheben. DAS BUCH ist damit weniger eine linear durcherzählte Geschichte, sondern vielmehr ein Konfiguration kontrastierender Energien, die als ein Erfahrungsraum Geschichte vergegenwärtigt.

Immer aufgekratzter saß ich im Publikum und hörte Danielewski zu, denn so oder so ähnlich antwortete ich gewöhnlich, wenn ich gefragt wurde, was in meinem speziellen Falle DAS BILD solle oder wolle.

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