Allgemein

Viva La Revolución Digital!

Das Nibelungenlied wurde 2009 auf Antrag der Bayerischen Staatsbibliothek in das „UNESCO Memory of the World Register“, das Weltdokumentenerbe, aufgenommen. Damit stehen jetzt die drei wichtigsten und vollständigsten Handschriften des Nibelungenlieds im UNESCO-Register. Sie werden in der Bayerischen Staatsbibliothek in München (Handschrift A), der Stiftsbibliothek des Klosters St. Gallen in der Schweiz (Handschrift B) und der Badischen Landesbibliothek in Karlsruhe (Handschrift C) aufbewahrt.

Die Bayerische Staatsbibliothek präsentierte ihre Handschrift bis 7. Februar in einer Ausstellung; die Badische Landesbibliothek zeigte die Handschrift C ebenfalls, allerdings nur für vier Tage, vom 28. bis 31. Januar; diese Ausstellung habe ich gesehen. Beide Handschriften sind auch im Internet zugänglich. Die Handschrift A der Bayerischen Staatsbibliothek kann man zum Beispiel hier durchblättern.

Die Bayerische Staatsbibliothek digitalisiert ihre Bestände schon seit einiger Zeit. Am 7. März 2007 wurde zudem eine Kooperation der BSB mit Google bekannt gegeben, Google soll mehr als eine Million Bücher aus dem urheberrechtsfreien Bestand der BSB digitalisieren, alle diese Bücher werden dann auch von den digitalen Sammlungen des Münchner Digitalisierungszentrums der Bayerischen Staatbibliothek bereit gestellt.

Was immer man Google im Einzelnen vorhalten mag, das Projekt Bücher, nicht zuletzt auch alte, vergriffene, entlegene zu digitalisieren und damit Wissen zugänglich und zirkulationsfähig zu machen, ist grundsätzlich ein wunderbares Vorhaben und entspricht einer schon vor 30 Jahren von Jean-François Lyotard vorgetragenen Forderung.

Die Öffentlichkeit müsste freien Zugang zu den Speichern und Datenbanken erhalten. (LYOTARD, S. 192)

Ich nutze für meine Kunst direkt nur „alte Medien“, Zeichnung, Malerei, seltener auch noch druckgrafische Techniken und Collage. Das ist kein Ausdruck einer Abneigung gegen neuere Medien, da bin ich ja eher Fan, sondern mehr eine Frage des Temperaments: ich mag den ausgeprägt physischen Aspekt meiner Art zu zeichnen, zu malen und die Arbeit mit den unterschiedlichen Materialien.

Atelier

Wie wichtig für mich künstlerische Arbeit als körperliche Arbeit ist, wurde mir ein Mal mehr letzten Sommer deutlich, als ich wegen eines lädierten Knies in meiner Beweglichkeit eingeschränkt war. Ich konnte mich nicht einfach zu Hause an einen Tisch setzen, die Zeit nutzen und zeichnen, zu sehr war mein Körpergefühl irritiert, das für meine Bilder Wesentliches beiträgt, vor allem zur Präsenz der Figuren.

Ich entwickle die Figuren, das Personal vor allem meiner größeren Bilder aus der Arbeit mit der Zeichenkohle. Es ist dabei wichtig, dass die Figuren einen organischen, dem eigenen Körpergefühl korrespondierenden Rhythmus haben, viel wichtiger als stimmige Proportionen oder eine korrekte Anatomie. Ich suche in den gezeichneten Figuren, in der Bewegtheit aus Linien und den teilweise farbig oder mit Kohlestaub, Wasser und Radiergummis malerisch gearbeiteten Partien, die Resonanz eines Körpergefühls, das ich mit einer bestimmten Körperhaltung verbinde – ich habe mehr eine Vorstellung davon, wie sich eine Figur, eine Bewegung anfühlt, als davon, wie  sie aussieht.

DIE SCHNEEKUGEL

Tillmann Damrau; DIE SCHNEEKUGEL, 2009, 120 x 100 cm

Unser Umgang mit Bildern hat sich in den letzten 200 Jahren Fotografie, Film und digitalen Bildwelten entscheidend verändert, dabei lassen sich individuelle Unterschiede sicher finden, je nach Intensität der Nutzung der verschiedenen Bildmedien. Mich interessiert, wie sich Zeichnung und Malerei, die handwerkliche Herstellung von Bildern aus den unterschiedlichsten Materialien, durch die neuen Bilderfahrungen verändern.

Zweierlei daran ist für mich besonders interessant:

  1. Die Modifikation der den Bildern zu Grunde liegenden Raumerfahrungen und -vorstellungen, die ja gerade jüngst durch die Nutzung interaktiver Bilder und Bildräume noch einmal entscheidend verändert werden.
  2. Ein differenzierter Umgang mit den unterschiedlichen Funktionalitäten von Bildern.

Bilder machen auf ganz unterschiedliche Weise Sinn; ein Piktogramm im Flughafengebäude, die Bildschirmdarstellung eines Computerspiels und ein niederländisches Stillleben aus dem 17. Jahrhundert alle sind Bilder, aber doch auch unterschiedlich zu verstehen. Schon ein einzelnes Bild hat oft verschiedene Bedeutungsebenen – multiple semantic layers :) – die es gleichzeitig visualisiert.

In der Karlsruher Ausstellung zur Nibelungenhandschrift ebenfalls zu sehen war ein Psalterium aus dem Codex Reichenau der Badischen Landesbibliothek. Die aufgeschlagene Seite zeigte oben, zu Beginn des Textes die reich geschmückte Initiale D, betrachtete man diese, wurde deutlich, dass schon vor mehr als achthundert Jahren ein differenziertes Bildverständnis nötig war, um mit der damals zeitgenössischen Buchmalerei adäquat umgehen zu können.

Stilisiertes Rankenwerk formt den Buchstaben D und umschließt das Bild von Christus in Tunika und rotem Mantel mit Kreuzesszepter und Bibel, der über das Böse in Gestalt von Löwe und Drachen, auf deren Nacken er steht, triumphiert. Der Hintergrund ist flächig in vier Quadranten unterteilt, diese nehmen das Kreuzesmotiv auf, diagonal sind darin die Farben Blau und Grün verteilt, Blau links oben und rechts unten, Grün entsprechend rechts oben und links unten.  Das Bild referiert eine Stelle in Psalm 91, Vers 13: „Über Schlange und Basilisk wirst du hinweggehen und junge Löwen und Drachen niedertreten.“. Zu verstehen war außerdem, dass dieses Buchstabenbild D zusammen mit den rechts davon gestreuten Buchstaben den Satz „Domine exaudi oratione meam.“ – „Herr, erhöre mein Gebet.“ ergibt.

Da hinzu kommt noch die ästhetische Freude an dem Bild, seinem, von einer Reproduktion nur unzureichend wiedergegebenen, wunderbar leuchtenden Kolorit, dem blattsilbernen Rankenwerk und den Details von Zeichnung und Malerei.

Der kürzlich vorgestellte iPad von Apple, ist allen Fragwürdigkeiten zum Trotz, wie das iPhone ein weiterer Schritt in die Richtung wo die Grenze zwischen Text, Bild und Dingen verschwimmt und wir es mehr und mehr mit einem neuartigen Kontinuum von Visualität, wenn man die Töne hinzunimmt, sogar von Audiovisualität zu tun bekommen. Immer wichtiger ist es ein differenziertes Verständnis für das Funktionieren, die Eigenheiten der Sinnproduktion von Bildmedien zu entwickeln,

Für mich ist es unzweifelhaft, dass gezeichnete und gemalte Bilder, die Veränderung unserer Selbst- und Bildwahrnehmung produktiv umsetzen und unser Bildverständnis weiter entwickeln können. Die Malerei sollte dies selbstbewusst tun und nicht so sehr auf die Oberflächeneffekte jüngerer Medien schielen. Wir sollten gemalte Bilder aber auch nicht zum Reservat eines Bildverständnisses machen, das allenfalls noch die populären Elemente der Moderne berücksichtigt, im Grunde aber den akademischen Inszenierungen des neunzehnten Jahrhunderts verpflichtet ist.

Oft, finde ich, verstellt die medienfixierte Kunstbetrachtung, die nach den Kategorien Malerei, Fotografie, Video, Installation, Zeichnung, Performance, etc. sortiert, den Blick auf die Konvergenz der künstlerischen Strategien, die sich ganz gut mit dem von Lyotard verwendeten Begriff „Paralogie“ fassen lassen.

Das postmoderne Wissen [ … ] verfeinert unsere Sensibilität für die Unterschiede und unsere Fähigkeit das Inkommensurable zu ertragen. Es selbst findet seinen Grund nicht in der Übereinstimmung der Experten, sondern in der Paralogie der Erfinder. (LYOTARD, S. 16)

Paralogie bezeichnet ursprünglich das Undeutliche, Sinnwidrige. Paralogien im Sinne von Lyotard sind „illegitimes“ Wissen, Wissen, das nicht von vorneherein von einem geltenden Diskurs autorisiert ist und sich Attraktivität und Geltung, „Legitimität“ quasi erst „erspielt“, indem es neue Perspektiven zeigt. Für Lyotard geht es in der Postmoderne darum das Wissen beweglich zu machen, es aus Erstarrungen zu lösen, seine Bedingungen sichtbar zu machen und spielerisch neue oder im jeweiligen Kontext zumindest überraschende Gedanken, Ideen, von Lyotard so genannte „Spielzüge“ hervorzubringen. Paralogien betreiben die Infragestellung, den Dissens, die Öffnung. Wissen muss sich nicht mehr zum Ganzen fügen, seine Geltung ist lokal, es ist endlich.

Eine parodisitische Version dieser Erfinderlust gestaltete Umberto Eco in dem Buch „Das Foucaultsche Pendel“, da beschreiben Jacopo Belbo und Diotallevi dem zunächst verblüfften Casaubon ihren Plan einer Reform des Wissens durch eine „Fakultät der Vergleichenden Irrelevanz“ in der man unnütze oder unmögliche Fächer studieren kann. Da gibt es dann zum Beispiel eine Abteilung für die Lehre unnützer Techniken „Tetrapilotomie“ (Die Kunst ein Haar in vier Teile zu spalten), nicht ganz sicher ist, ob auch die „Pilokatabase“ (Die Kunst um ein Haar zu entwischen) dazu zählt, denn das kann ja auch sehr nützlich sein. (ECO, S. 91 ff)

Kurz, es geht mehr um Kreation als um Kritik. Was dies konkret bedeuten kann, ist beispielsweise ganz wunderbar mitzuerleben durch die 3 DVDs der Kassette „Abécédaire“, der Dokumentation eines Interviews mit Gilles Deleuze, der darin über insgesamt 453 Minuten Claire Parnet Auskunft gibt zu Stichworten von A bis Z, von „Animal“ bis „Zickzack“. Das Interview wurde schon 1988/89 aufgenommen, die Vereinbarung war aber, dass es erst nach dem Tod von Gilles Deleuze gesendet werden sollte. Eine mittlerweile bei Zweitausendeins erhältliche deutsche Ausgabe bietet das vollständige Interview in Originalsprache mit optionalen deutschen Untertiteln sowie einer von Hanns Zischler großartig gesprochenen Voice-Over-Fassung.

Die digitale Revolution hat das Entstehen und die Verbreitung der Paralogien immens erleichtert. Die Agilität der ErfinderInnen bürgt für ihre Variabilität.

Der gegenwärtige Kunstbegriff umfasst ja jede Menge solcher Paralogien, Para-Soziologie, Para-Urbanistik, Para-Kunstgeschichte, Para-Architektur, Para-Film, Para-Literatur, Para-Design, bis hin zu dem, was ich Para-Malerei nennen würde. Vielleicht haben wir es ja insgesamt mit einer Para-Kunst zu tun, die sich von den großen Entwürfen der Moderne verabschiedet hat und stattdessen sich in „kleinen Erzählungen“ nach allen Seiten hin entfaltet.

An diesen Paralogien, dieser neuartigen Narrativität, diesen „kleinen Erzählungen“ fällt dreierlei auf:

  1. Sie sind integrativ: alles kann im Grunde „erzählt“ werden, das ist ein Erbe der Romantik und: alle dürfen erzählen, das heißt, der aristokratische Hermetismus der Moderne, die sich ständig vom Verständnis der Vielen, von der Allgemeinheit – „der Masse“ – distanzieren musste, hat ausgedient.
  2. Sie sind nicht mythologisch – es geht also nicht darum, einen festen Bestand an Geschichten und Verhaltensweisen zu tradieren –  sondern eher spielerisch, erfindend, technoid. Die Elemente der „Erzählungen“ müssen gegenüber Kontexten flexibel bleiben, stets wieder neu kombiniert werden können, Bedeutungen werden durch neue „Spielzüge immer wieder „verflüssigt“ und verändert.
  3. Sie zielen nicht darauf einen Diskurs zu etablieren, nicht auf Konsens und die einfache Trennung von „wahr“ und „falsch“, sondern auf das Reden (Überschwang und Überschuss) und das Teilen.

Dieses Reden, diese Produktivität der ErfinderInnen erzeugt auch die kulturellen Ressourcen der Wirtschaft. Die Paralogien bringen jene Bilder, Stories und Bewertungen hervor, die für die Wirtschaft Produktionsbedingung sind, wie sehr, das demonstriert schön der Clip einer Initiative zur weltweiten Einführung einer Steuer auf Finanztransaktionen, in dem die mediale Erscheinung der Finanzbranche in subtiler ironischer Brechung Teil einer Argumentation zur Besteuerung eben dieser Branche wird – auf YouTube, weltweit.

Ach ja, nicht vergessen möchte ich einen Hinweis auf das lesenswerte Blog Ctrl-Verlust von Michael Seemann, der darin „erzählt von den diversen Kontrollverlusten im digitalen Raum und warum sich das lohnt.“

Also: Viva La Revolución Digital!

Quellen/Materialien:

„Abécédaire. Gilles Deleuze von A bis Z“. Ein Film von Pierre-André Boutang. Konzeption und Interview: Claire Parnet. Original mit deutschen Untertiteln, wahlweise deutschem Voice-Over (gesprochen von Hanns Zischler und Antonia von Schöning). Hg. von Valeska Bertoncini und Martin Weinmann. 453 Minuten. 3 DVDs im Schuber.

ECO, UMBERTO; Das Foucaultsche Pendel, (Hanser Verlag) München, Wien 1989

LYOTARD, JEAN-FRANCOIS; Das postmoderne Wissen – Ein Bericht, (Passagen Verlag) Wien 2005

Update zu „Paralogie“, 11. April 2010:

Luna Maurer, Edo Paulus, Jonathan Puckey, Roel Wouters die Mitglieder der Gruppe Conditional Design – beschreiben ihren gestalterischen Ansatz in einem „Conditional Design Manifesto“, das auch gut „Paralogic Design Manifesto“ heißen könnte, so sehr ist es der oben beschriebenen Mentalität verpflichtet.

In diesem „Conditional Design Manifesto“ steht unter anderem:

Instead of operating under the terms of Graphic Design, Interaction Design, Media Art or Sound Design, we want to introduce Conditional Design as a term that refers to our approach rather than our chosen media. We conduct our activities using the methods of philosophers, engineers, inventors and mystics.

und weiter heißt es da:

We search for unexpected but correlative, emergent patterns.

Wie dabei aus Design Kunst wird, verdeutlicht das folgende Video zum Projekt “Vitruvian Paint Machine”, das Luna Maurer und Edo Paulus letzten Herbst (17.-25. Oktober 2009) im Van Abbemuseum in Eindhoven realisiert haben.

1 reply »

  1. Cooler Beitrag für den Bereich, der mit den meisten Informationen denke ich, den ich bis jetzt gelesen habe. Ich hoffe, Ihr bleibt an der Geschichte dran?! War da nicht gestern schon mal ein Bericht in der Zeit drüber? Tschöö, Reinhild Tremmel

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