Gelesen

R. B. Kitaj, noch einmal

Nach dem Durchblättern und Überfliegen einzelner Passagen des „Second Diasporist Manifesto“ von Kitaj und als ich dann auch noch das erste Manifest des Diaspporismus wieder zur Hand genommen hatte, kam mir das Ende von „A Portrait of the Artist as a Young Man von James Joyce“ in den Sinn, die Stelle, als der junge Stephen Dedalus sich bereit macht, die Familie und Irland zu verlassen.

Dedalus will nun in der Schmiede seiner Seele das ungeschaffene Gewissen seiner Rasse formen. „I go to encounter for the millionth time the reality of experience and to forge in the smithy of my soul the uncreated conscience of my race.“ Klaus Reichert übersetzte – wohl eingedenk des Grauenhaften, das deutscher Rassenwahn im 20. Jahrhundert verursacht hat – in seiner 1972 zum ersten Mal erschienenen Übertragung des Portraits „race“ mit „Volk“.

Ich dachte, irgendwie versuche Kitaj etwas Ähnliches, vielleicht das Gleiche, indem er der jüdischen Moderne der Diaspora, ihren grandiosen Hervorbringungen in Literatur und Wissenschaft, eine von jüdischem Selbstbewusstsein geprägte Bildende Kunst hinzufügen möchte. Kitaj nennt sein zweites Manifest ein Langgedicht in 615 freien Versen, dem entsprechend sind nicht die Seiten sondern die einzelnen Verse, Abschnitte des Texte nummeriert.

Nun hatte ich mittlerweile Zeit etwas in dem Buch zu lesen und der Satz zu Beginn von Abschnitt 32 zeigte mir, wie nahe ich dem Selbstverständnis von Kitaj mit meiner Ahnung gekommen war. „Remember my School of London Jews: Auerbach, Kossoff, Freud – in the smithy of my Jewish soul, back home in America, thank God.”, liest man da.

Das Buch ist von den ersten Zeilen an beeindruckend. Kitaj verbindet darin in sehr persönlicher Weise, mit erstaunlichem und insistierendem – ich gestatte mir das Wort – Drive seine Lebenserfahrung, Personen, die Liebe zu Büchern („Every read, every book is an erotic passage, a pleasure-principle infusing and radicalizing my cursed art.“ (32)), eine breit gestreute Lektüre, Bilder, und Gedanken. Es ist grundiert von dem ungeheuren Schmerz, den der plötzliche, frühe Tod seiner Frau, der Malerin Sandra Fisher, bei Kitaj hinterlassen hat – ihrem Andenken ist sein Werk seitdem gewidmet. Sie ist während der Zeit seiner Kämpfe mit der Londoner Kunstkritik, die seine Retrospektive 1994 in der Tate Gallery rüde niedergemacht hatte, an einem Hirn-Aneurysma gestorben.

Man stelle sich den alten Mann vor mit seinem dichten weißen Haar und dem Bart, wie er jeden Tag früh um sechs Uhr in Los Angeles in einem Café sitzt, die New York Times und die Los Angeles Times überfliegt und sich dann einer schwierigen Lektüre widmet, die der geistigen Frische des Morgens bedarf. Daraufhin schreibt er an seinen Bekenntnissen weiter, seinem Manifest, das neben seinen Bildern sicher auch sein Vermächtnis ist.

So kontrovers Kitajs Bemühungen um eine Jüdische Kunst auch aufgenommen wurden, es wäre sicher ein Missverständnis zu glauben, Kitaj hätte einen Kanon, eine neue Orthodoxie angestrebt. Er sah sie vielmehr als Beitrag zum jüdischen Selbstverständnis vor dem Hintergrund der jüdischen Überlieferung, der jüdischen Moderne, der Diaspora und der Shoah.

Zu Anfang seines „Second Diasporist Manifesto“ schreibt er in „Vers 4“:

„The Jewish Diaspora can inspire art as much as Consumer Society does, or Art for Art’s Sake does, or French Theory does, or the Black Tragedy can, or Duchamp’s Legacy does, or the sadness of Israel-Palestine can, or the popular concept of boxes at intervals can, or Mother Nature does, or the Christian Passion has, etc. It just depends on what one wants to do with one’s life. Seize the day!

Hervorhebung vom Autor

JOYCE, JAMES; A Portrait of the Artist as a Young Man, Penguin 1996

JOYCE, JAMES; Stephen der Held; Ein Porträt des Künstlers als Junger Mann (Übertragen von Klaus Reichert), (Suhrkamp Verlag) Frankfurt a. Main 1987

LAMBIRTH, ANDREW; Kitaj, (Philip Wilson Publishers) London 2004

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