Allgemein

Zahngeschichten

Von Jugend an hatte ich schlechte Zähne und beneidete meine jüngeren Schwestern um ihre tadellosen Gebisse. Heute lobt die Zahnärztin meine vorbildliche Zahnhygiene und stellt dann mit überzeugendem Bedauern fest, dass doch hier und da Zähne renoviert oder Kronen erneuert werden sollten. Ins Grübeln wegen meiner Zähne kam ich, als in der Schule „Buddenbrooks“ von Thomas Mann gelesen wurde. Stehen doch die schlechten Zähne des Familienvorstandes Senator Thomas Buddenbrook leitmotivisch für die mürbe Substanz der Familie, ihre zusehends verzehrte Lebenskraft. So stirbt der immer penibel gepflegte Thomas Buddenbrook mit knapp fünfzig Jahren. Er bricht auf der Straße zusammen und endet mit dem Gesicht im Schmutz. Das hat mich damals durchaus mitgenommen, ich mochte diesen seltsamen Mann.

THOMAS MANN; Die Buddenbrooks, (S. Fischer) Frankfurt/Main 2002

THOMAS MANN; Buddenbrooks, (S. Fischer) Frankfurt/Main 2002

Gerade sind wieder Reparaturen an meinen Zähnen nötig, eine Teilkrone und Inlays, die reichlich altes Amalgam ersetzen sollen. Ich kann es nicht verhindern, jedes Mal, wenn dann gebohrt, „eingeschliffen“ wird und das Pfeifen, Sirren und Rumpeln der diversen Bohrer durch meinen Kopf tobt, vergegenwärtigt sich mir eine Szene in dem Film „Der Marathon-Man“.

"Marathon Man", Screenshot (Detail)

"Der Marathon-Mann", Screenshot (Detail)

Babe Levy (Dustin Hoffmann) sitzt in Schlafanzughose und Bademantel gefesselt auf einem Stuhl. Der ehemalige KZ-Arzt Christian Szell (Laurence Olivier) vermutet Babe wisse Näheres über ihn und die Diamanten, die er, Szell, seinen jüdischen Opfern vor Jahren abgepresst hat. Um zu erfahren, was genau Babe Levy weiß, bohrt Szell mit einem ambulanten Zahnarztbohrer in einen von Babes oberen Schneidezähnen – hinab bis auf den Nerv. Nach der Tortur lässt er von Babe ab und weist seine Kumpane an, ihn beiseite zu schaffen. Er ist überzeugt, Babe hätte jetzt geredet, wenn er etwas wüsste.

Selbstverständlich bin ich nicht in der Situation von Thomas Babington „Babe“ Levy und es wäre infam meine fürsorglich engagierte Zahnärztin und ihre Mitarbeiterinnen mit dem skrupellosen Szell und seinen Kumpanen zu vergleichen. Die Bilder des Films sind mir beim Bohren trotzdem immer gegenwärtig.

Ich trage Kopfhörer aus denen tranige Meditationsmusik blubbert, die mich beruhigen und ablenken soll und den Soundtrack dieser Stunden ins Komische wendet. Immer wieder versuche ich mir vorzustellen, wie ich so daliege, mit aufgesperrtem Mund in dem gearbeitet wird und zugekniffenen Augen unter dem Diadem des Kopfhörers.

Nach dem Einschleifen werden noch Abdrücke von Ober- und Unterkiefer genommen. Mit großer Geduld steht eine der Mitarbeiterinnen bei mir und drückt mit den Fingern in meinem Mund die Form mit dem aushärtenden, gummiartigen Brei immer genau sieben Minuten auf den jeweiligen Kiefer, damit der Abdruck auch schön exakt wird. Den Marathon-Mann habe ich wieder vergessen. Ich bin reichlich konfus von den vielen Arbeiten mit wechselndem Gerät in meinem Kopf, die Spritzen zur Betäubung der Schmerzen tun das ihre dazu.

Von Zeit zu Zeit glüht das Hochhaus gegenüber im Licht des Spätnachmittages auf. Das Raster der Fassade beruhigt. Vorher, als ich im Aufzug zur Praxis hochgefahren bin, hatte einer gesagt, es sei ganz schön „schattig“ heute und eigentlich hätte man besser zuhause bleiben sollen. Ich wusste keine Antwort, verzog das Gesicht und brummte hilflos. Jetzt denke ich, „Es hat aufgeklart“. Eine mir unverständliche Geste der Mitarbeiterin neben mir, die den aushärtenden Abdruck auf meinem Unterkiefer festhält, schreckt mich auf. Ich ziehe rasch den Kopfhörer von den Ohren. Sie bittet mich den Mund weiter zu öffnen – ich hatte ihr, ohne es zu merken, auf den Finger gebissen.

Bei der Suche nach „echten“ Gefühlen und dem „wahren“ Leben wird leicht übersehen, dass Gefühle und Erfahrungen immer Hybride sind, die sowohl den genetisch codierten Reflex, eine memorierte Gedichtzeile, die plötzlich signifikant wird, als auch eine Filmszene miteinander integrieren können. Klar, Zahnschmerzen treffen uns unmittelbar und je stärker sie sind, umso weniger können wir uns distanzieren und umso mehr sind wir ihnen ausgeliefert, umso „echter“ scheint auch vordergründig das Gefühl. Schon die Wirkung der Schmerzmittel aber erlaubt uns Distanz zu nehmen und schafft Spielräume, die der Mensch als fabulierendes Wesen gewöhnlich auch sofort nutzt.

Dieses Fabulieren in Spielräumen, der Ausbau der Wirklichkeit, diese Verflüssigung des Sinns, das ist es, was mich bewegt. Die plötzliche Transparenz der Wirklichkeit des Erlebens, das Zusammenblenden verschiedener Zeit- und Sinnschichten, James Joyce beschreibt dies so: “So timeless seemed the grey warm air, so fluid and impersonal his own mood, that all ages were as one to him.”.

JOYCE, JAMES; A Portrait of the Artist as a Young Man, Penguin 1996

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