Gedacht

Umzug

Als Künstler gehöre ich nicht zu jenen, die rastlosen Fleiß per se bewundern, ehrlich gesagt misstraue ich Fanatismen, das Manische zieht mich nicht an, die Technokraten der Kreativität sind mir ein Graus und zu den Segnungen meines Lebens gehört, dass ich mich mit Morpheus immer gut gestanden habe, ich schlafe gerne. Das heißt allerdings nicht, dass ich Begeisterung und Intensität bei der Beschäftigung mit einer Sache nicht für essenziell hielte. Ich bewundere viele Künstlerinnen für ihre Ausdauer, ihre Beharrlichkeit und oft fühle ich mich im Vergleich mit ihnen flatterhaft, unstet, immer bereit meine Nase in etwas anderes zu stecken, einer Ablenkung nachzugehen und ich bin gerne bereit einen Mangel an Demut zu konzedieren.

Letztes Jahr wurde mir das Atelier gekündigt. Zum ersten April diesen Jahres brauchte ich neue Arbeitsräume. „So schwer kann das doch nicht sein!“, dachte ich und hatte mich damit aber gewaltig verschätzt. Es erwies sich als durchaus schwierig, etwas Passendes zu finden – zumal in Stuttgart -zig Künstlerinnen mehrerer komplett gekündigter Atelierhäuser auf der Suche nach neuen Räumen sich befanden. Als ich schließlich mit dem notwendigen Glück etwas gefunden hatte, konnte ich noch nicht gleich einziehen, so dass das ganze Atelier zu einer Art Turm installiert in einer Halle erst einmal unterkommen musste.

Mittlerweile habe ich die neuen Räume jedoch bezogen, ich genieße von dort eine ungewohnt großzügige Aussicht. Einige Zeit noch des Bastelns und Bauens  – unterbrochen von Momenten der Ungehaltenheit darüber, dass ich dieses und jenes nicht einfach weggeworfen hatte, das mich jetzt nötigte einen zumindest vorläufigen Platz dafür zu finden – dann konnte ich nach fast 2 Monaten, in denen ich nicht gemalt und kaum einmal etwas gezeichnet hatte, wieder mit der Arbeit beginnen.

Als ich zum ersten Mal nach Wochen dann wieder das Scharren der Zeichenkohle auf der rauen Leinwand hörte und den Pinsel auf das frisch grundierte Gewebe setzte, das Leuchten und die Konsistenz der Farben spürte, überraschte mich flashartig ein Arbeitsglück, das ich in dieser Intensität nur vom Malen und Zeichnen kenne.

Viele KünstlerInnen schon haben über ihre Produktion nachgedacht und deren mentale Seite zu beschreiben versucht.  Von niemandem aber, habe ich dieses besondere, für die Arbeit nötige innere Schwingen so gut beschrieben gefunden wie von Julio Cortázar im zweiundachtzigsten Kapitel seines Romans Rayuela. Klar, Cortázar bezieht sich auf das Schreiben, man müsste aber nur Worte wie „schreiben“, „Satz“, „Abschnitt“, „Seite“, „Kapitel“ und „Buch“ durch entsprechende Vokabeln aus der Malerei ersetzen und schon beschriebe der Text die Arbeit des Malens.

Warum schreibe ich das? Ich habe keine klaren Gedanken, ich habe nicht einmal Gedanken. Was da ist, sind Fetzen, Impulse, Blöcke, und alles sucht eine Form, dann kommt der Rhythmus ins Spiel, und ich schreibe in diesem Rhythmus, ich schreibe durch ihn, […]. Zuerst ist da eine konfuse Situation, […]; von diesem Halbdunkel gehe ich aus, und wenn das, was ich sagen will (was sich sagen will) genügend Kraft besitzt, setzt sofort der swing ein, eine rhythmische Schwingung, die mich an die Oberfläche zieht und alles beleuchtet, die die ungeordnete Materie und den, der sie erleidet, in einer klaren und unausweichlichen dritten Instanz vereinigt: dem Satz, dem Abschnitt, der Seite, dem Kapitel, dem Buch. Diese rhythmische Bewegung, dieser swing, in welchem die ungeordnete Materie Gestalt annimmt, ist für mich die einzige Gewissheit ihrer Notwendigkeit, denn kaum endet sie, begreife ich, dass ich nichts mehr zu sagen habe. Und zugleich ist sie der einzige Lohn für meine Arbeit  – ich fühle das, was ich geschrieben habe, wie den Rücken einer Katze, der sich unter der streichelnden Hand rhythmisch und funkensprühend hebt und senkt.

Julio Cortázar hat von der Kunst viel verlangt und ihr auch viel zugetraut, dabei war ihm Künstlerpathos allerdings fremd. So endet sein Text mit den Worten:

Schreiben bedeutet, mein Mandala zeichnen und es gleichzeitig durchlaufen, die Läuterung erfinden, indes man sich läutert; Fron des armen weißen Schamanen in Nylonunterhosen.

Das  Selbstbildnis als weißer Schamane in Nylonunterhosen, verdankt der Selbstironie weniger als es zunächst vielleicht den Anschein hat. Vielmehr formuliert dieses Bild den Anspruch, auch einem vordergründig profanen Alltag ganz neue Dimensionen zu schaffen durch das Zauberische der Kunst.

CORTÁZAR, JULIO; (1987) Rayuela, (Suhrkamp) Frankfurt am Main, S. 460

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