Gedacht

Arbeit und Rätsel

 

Tillmann Damrau, Detail eines angefangenen Bildes

Tillmann Damrau, Ausschnitt eines angefangenen Bildes

Bei mir im Atelier steht eine Kiste mit alten Zeitungen, die bei Bedarf zur Eindämmung von allerlei Kleckerei dienen. Es gehört zu den netten Unterbrechungen der Arbeit, dass ich häufig, wenn ich von den Zeitungen in der Kiste nehme, auf Artikel stoße, bei denen ich hängen bleibe, manchmal sind es auch nur Passagen, die mir beim Überfliegen der Seiten auffallen.

Unlängst hatte ich eine Seite der Samstagsbeilage „Bilder und Zeiten“ der F.A.Z; vom 02. August 2009 mit einem Aufsatz des österreichische Autors Thomas Glavinic vom Stapel in der Kiste genommen.

Glavinic schreibt darin über das Handwerk des Romanciers und zitiert einen „Satz Charlie Chaplins, nach dem ein Künstler, der seine Kunst ganz versteht, kein Künstler ist, sondern ein Kunsthandwerker“. Der Aufsatz, den man auch auf Glavinics Homepage nachlesen kann, wurde ursprünglich im Heft 4/2008 der Zeitschrift Akzente veröffentlicht.

Diese Äußerung des überaus großartigen, erfolgreichen und populären Charlie Chaplin ist eine ungemeine Ermunterung, die Kunst als Arbeit im Ungewissen ohne Schüchternheit anzugehen.

Sei es nun Ausweis der Kunst, dass auch der Künstler selbst sie nicht völlig zu enträtseln vermag, so gehört es doch zu den irritierenden, ja unheimlichen Erlebnissen bei der Arbeit, genauer, bei der Unterbrechung der Arbeit, beim „Herauszoomen“, beim Innehalten, dass manches Mal jäh alle künstlerischen Entscheidungen, die einem selbst gerade noch plausibel erschienen waren, die ein sinnvolles Voranbauen des Werkes bedeutet hatten, völlig fragwürdig, gänzlich rätselhaft werden.

Plötzlich entblößt der innere Zusammenhang des Werkes, seine Logizität sich als Rätsel.

Die Frage, „Was mache ich hier eigentlich?“, gängelt einen dann leicht in die wenig aussichtsreichen Niederungen des Zweifels. Dort auszuharren macht künstlerisch wenig Sinn. Es gibt, wie Slavoj Žižek am 26. November 2007 in einem Vortrag am Institute for Human Sciences der Boston University betonte, nicht nur falsche Antworten, sondern auch falsche Fragen. Zweifel ist künstlerisch eigentlich unergiebig, ähnlich wie blinde Selbstsicherheit; beide verweigern sich banausenhaft dem Zauber des Werkes.

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