Zeichnung, Malerei

Hausbau

Ich beginne die Arbeit an einem Bild fast immer mit einer bestenfalls ungefähren Vorstellung davon,  wie es am Ende aussehen soll. Ja, mir scheint, es ist meist mehr eine Stimmung, die sich anfangs mit manchmal nur wenigen Details verbindet, die ich vom Bild schließlich formuliert sehen möchte, als eine schon mehr oder weniger deutliche Bildvorstellung. Das Entstehen, das Machen eines Bildes, die Arbeit selbst muss für mich Unbekannte enthalten, eine Herausforderung sein, nicht weil ich das bin, was man landläufig ein Malschwein nennt, sondern weil erst  die in der Unmittelbarkeit der Arbeit sich ergebenden Entscheidungen das Bildobjekt, das Haus, den Baum, einen Menschen, eine Ausdrucksgeste konkretisieren, hervorbringen. Und nur, wenn dieser Prozess recht offen ist, erlaubt er mir jene Intensität, die dem Bild die spezielle, von mir angestrebte Präsenz verschafft.

Länger schon habe ich sehr ausgeprägt das Gefühl, die Dinge, die als Bildobjekte sichtbaren Dinge meiner Bilder erst zu machen, sie in einem eigenartigen Sinn beim Zeichnen und Malen erst herzustellen. Das gilt besonders auch für die Häuser, die ich in letzter Zeit oft male, zeichne oder  aus schwarzem Papier zusammenklebe. Oft verbindet ihr Bild die Innenansicht mit der Außenansicht.

Ich mache, ich baue diese Häuser. Nicht wie man Häuser in der Welt der Dinge baut, sondern so, wie man das in einer Welt imaginärer Objekte, in einer Welt von Bildobjekten machen kann.

Jean-Paul Sartre beschreibt dies hier:

Ein Schmerzensschrei ist Zeichen des Schmerzes, der ihn hervorruft. Aber ein Schmerzensgesang ist zugleich der Schmerz selbst und etwas andres als der Schmerz. Oder, in existentialistischen Begriffen, er ist ein Schmerz, der nicht mehr existiert, der ist. Aber wenn nun der Maler, werden Sie sagen, Häuser macht? Genau, er macht welche, das heißt, er schafft ein imaginäres Haus auf der Leinwand und nicht ein Zeichen von einem Haus.

SARTRE, JEAN-PAUL; Was ist Literatur?, (Rowohlt Verlag) Reinbek bei Hamburg 1981, S. 15

Das Herausfordernde des Zeichnen und Malens liegt ja vor allem auch darin, etwas Imaginäres der Wahrnehmung, gerade auch der Wahrnehmung  anderer zugänglich zu  machen,  dies verschafft den Bildern ihre so zauberhafte Gegenwärtigkeit.

Lambert Wiesing verdanke ich den Hinweis auf Sartre:

WIESING, LAMBERT; Artifizielle Präsenz, (Suhrkamp Verlag) Frankfurt am Main 2009

Zu „Schmerzensschrei“ und „Schmerzgesang“ findet sich Interessantes auch bei Adorno.

ADORNO, THEODOR W.; Philosophie der neuen Musik, (Suhrkamp Verlag) Frankfurt am Main 1997

Es sind […] im Medium der Musik unverstellt leibhafte Regungen des Unbewussten, Schocks, Taumata registriert. [… ] Die ersten atonalen Werke sind Protokolle im Sinn von psychoanalytischen Traumprotokollen. Kandinsky hat in der frühesten Buchpublikation über Schönberg dessen Gemälde „Gehirnakte“ genannt. Die Narben jener Revolution des Ausdrucks aber sind die Kleckse, die auf den Bildern so gut wie in der Musik als Boten des Es gegen den kompositorischen Willen sich festsetzen, die Oberfläche verstören und von der nachträglichen Korrektur so wenig wegzuwischen sind wie Blutspuren im Märchen. Das reale Leid hat sie im Kunstwerk zurückgelassen zum Zeichen, dass es dessen Autonomie nicht länger anerkennt. (S. 44 f)

Die expressionistische Musik hatte das Prinzip des Ausdrucks […] so genau genommen, dass es Protokollcharakter annahm. Damit aber schlägt es um. Musik als Ausdrucksprotokoll ist nicht länger „ausdrucksvoll“. (S.  53)

Alle Formen der Musik, nicht erst die des Expressionismus, sind niedergeschlagene Inhalte. In Ihnen überlebt was sonst vergessen ist und unmittelbar nicht mehr zu reden vermag. Was einmal Zuflucht suchte bei der Form besteht namenlos in deren Dauer. (S. 47)

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