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Versuchung

Gestern Nachmittag kam mit der Post ein Buch, das heißt eigentlich eine SMS, die mir mitteilte, dass ein Paket in der Packstation auf mich warte. Dieses Paket, in dem das Buch sich befand, war dann erst noch abzuholen.

Das bereits neugierig erwartete Buch war „Hokusai, First Manga Master“, die englische Ausgabe des 2007 in Frankreich erschienen Buches „Hokusai, Manga“ von Jocelyn Bouquillard und Christophe Marquet. Das Buch enthält die Reproduktionen von achtundfünfzig Doppelseiten aus dem sogenannten „Hokusai Manga“.  Eine umfänglichere Publikation dazu, ist mir bis dato nicht begegnet. Die Druckqualität lässt allerdings zu wünschen übrig.

BOUQUILLARD, JOCELYN u. MARQUET, CHRISTOPHE; Hokusai, First Manga Master, (Abrams) New York 2007

BOUQUILLARD, JOCELYN u. MARQUET, CHRISTOPHE; Hokusai, First Manga Master, (Abrams) New York 2007

Katsushika Hokusai (1760-1848) dürfte einer der bekanntesten Künstler Japans sein, gerade auch im Westen. Am berühmtesten ist wohl  seine Serie von Holzschnitten “ fugaku hyakkei“ – „Einhundert Ansichten des Berges Fuji“.

Das „Hokusai Manga“ ist in fünfzehn Bänden – dreizehn davon zu Lebzeiten, zwei postum – zwischen 1814 und 1878 erschienen. Es umfasst mehr als achthundert Seiten und fast viertausend Bilder. Hokusai lieferte die Zeichnungen, andere fertigten danach Holzschnitte, üblicherweise, indem die Zeichnungen einfach auf die Holzblöcke geleimt und nachgeschnitten wurden. Die Bücher wurden in hohen Auflagen gedruckt, von den ersten Auflagen allerdings sind nur wenige Exemplare erhalten.

Ich erinnere mich noch, die Bibliothek der Kunstakademie in München besaß einige Bände davon, da sie nicht auszuleihen waren, bin ich manchmal mehrere Tage hintereinander in die Bibliothek gegangen um einige Zeit mit den zugleich derben und eminent kunstvollen Bildern zu verbringen. Bücher aus Bibliotheken zu entwenden fand ich immer schäbig, aber ich muss gestehen, dass ich damals der Versuchung widerstehen musste, zumindest einen dieser wunderbaren Bände zu stehlen.

Das „Hokusai Manga“ versammelt Bilder zu den verschiedensten Themen – Gerätschaften, Bauwerke, Pflanzen und Tiere, Geister, Landschaften, Kurtisanen und Schauspieler, Handwerker, Fischer, Bauern und Krieger, Groteskes, Märchenhaftes und Alltägliches.

Hokusai Manga, Band 4, 1816, Bibiliothèque Nationale de France, Doppelseite mit Badenden

Hokusai Manga, Band 4, 1816, Bibiliothèque Nationale de France, Doppelseite mit Badenden

Das „Hokusai Manga“ steht in der Tradition der in Ostasien verbreiteten Anleitungen und Kompendien für Künstler und Handwerker. Es sollte denen, die sich der Kunst widmen wollten zur Anleitung dienen; der Untertitel  präzisiert es als „Einführung in die Übertragung des Wesens der Dinge“. Das klingt irgendwie nach platonischer Epistemologie, kann aber auch ins Praktische gedeutet werden, als Anleitung in Darstellungsökonomie, die die Beschränkung des zeichnerischen Aufwandes zur Konzentration und Steigerung des Ausdrucks nutzt.

Der Lernende sollte sich anhand von Beispielen ein Repertoire von Formulierungen, Darstellungsmodi erarbeiten, das es ihm ermöglichte, Vergleichbares selbst zu machen.  Das Ziel des Übens war nicht nur die Fähigkeit Sichtbares erfassen zu können, sondern auch die, Vorgestelltes sichtbar zu machen, Sichtbares zu generieren.

Ähnliches strebten vergleichbare Lehrbücher in Europa an. Ziel der seit der Renaissance verbreiteten Proportionslehren war vor allem auch die Möglichkeit das Bild des Menschen „aus der maß“ (Dürer) zu machen, gänzlich unabhängig von einem konkreten Modell. Die errechneten Figuren der virtuellen Welten unserer Zeit setzen diese Tradition fort.

Als Beispiel für historische Anstrengungen in dieser Richtung sei hier eine Seite aus einem Buch zur Perspektive und Proportionslehre von Heinrich Lautensack abgebildet.

Lautensack

LAUTENSACK, HEINRICH; Deß Circkelß und Richtscheyts, auch der Perspectiva und Proportion der Menschen und Rosse, kurtze, doch gründtliche underweisung deß rechten gebrauchs, Franckfurt am Mayn (1618), SLUB Dresden

BOUQUILLARD, JOCELYN u. MARQUET, CHRISTOPHE; Hokusai, First Manga Master, (Abrams) New York 2007

BOUQUILLARD, JOCELYN u. MARQUET, CHRISTOPHE; Hokusai, Manga, (Editions du Seuil) Paris 2007

WINZINGER, FRANZ; Dürer, (Rowohlt) Reinbek bei Hamburg 1971, S, 59

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