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Chlorophyll und Konfusion

Aufgewachsen bin ich am Rand einer mittleren Stadt auf Alb. Zu den Privilegien meiner Kindheit gehörte das stundenlange, unbeaufsichtigte Spiel im Wald und auf der Wiese. Erst kürzlich, an Ostern, als ich zu Besuch bei meiner Mutter war, sah ich die Felsen wieder, wo ich als Junge beim Klettern  mit selbst gebastelten Haken aus Draht und Nägeln einmal beinahe abgestürzt wäre.

Am Ende meiner Schulzeit ging es mir jedoch so wie in dem Song „Smalltown” von Lou Reed und John Cale beschrieben: “There’s only one good thing about a small town / You know that you want to get out.” Um fair zu sein, einigen Lehrerinnen und Lehrern und der Städtischen Leihbibliothek verdanke ich einiges an Anregung und Unterstützung. Seitdem aber habe ich immer in Großstädten gelebt und nie hatte ich das Bedürfnis zurück aufs Land zu ziehen, im Gegenteil, ich kann mir das immer weniger vorstellen, ich mag große Städte.

Ich gehe gerne zu Fuß und ich finde Vergnügen daran durch die Stadt zu laufen, oft nur so, zum Zeitvertreib, meinen Gedanken hinterherstolpernd. Der Anblick chlorophyllgesättigter Panoramen ist für mich keine besondere Augenweide. Wenn es in die „Natur“ geht, bevorzuge ich eher bekanntes , anspruchsloses Terrain, wo man wenig auf seine Schritte zu achten hat und nicht andauernd schauen muss, auf dem rechten Weg zu bleiben, das heißt, ich gehe lieber Spazieren als Wandern. Deshalb bin ich dankbar für die am Rand von Stuttgart, unweit von Schloss Solitude gelegenen Bärenseen. Die Gegend ist schön, ein beliebtes Ausflugsziel, ich bin auch gerne dort.

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Es ist, glaube ich, im Grunde ein Hang zur Tagträumerei, dem ich leicht nachgebe und der in der Stadt mehr Anregung findet, weshalb ich nur selten Anstrengungen in der Landschaft suche, Zerstreuung schon. Ich überlasse mich gerne der Drift meiner Phantasie, temporärer Konfusion und genieße das unordentliche Spiel der Ideen. Ich hatte immer den Eindruck es handele sich dabei um eine besondere Art Produktivität, eine Art Brüten oder Gären.

Entgegengesetzte Bedürfnisse thematisieren zwei Blogposts, einer von Grant McCracken und einer von Chrissy Kiernan. Beide befassen sich mit dem zunehmenden Gebrauch sogenannter Brainbooster, von Stimulanzien, Amphetaminen, durch Wissenschaftler, Ärzte, Pädagogen und andere „Professionals“, die – ungeachtet aller Nebenwirkungen – versuchen, durch die Einnahme von Adderall oder Ritalin im beruflichen Alltag ständig über ein Maximum an Geistesgegenwart zu verfügen, ermüdungsfrei. So sehr ich das Erlebnis intensiver Arbeit schätze, so sehr misstraue ich der tour de force als Norm. Für mich ist es essenzieller Teil der Arbeit, rhythmisch Druck herauszunehmen, sich zu distanzieren, auch das “zooming out”, das „Herauszoomen“ im rechten Moment sich zu erlauben und damit letztlich neue Aspekte zuzulassen.

Gestern, am späten Nachmittag war ich noch im Literaturmuseum der Moderne in Marbach am Neckar. Reichlich Zeit war nicht für den Gang durchs Halbdunkel der Ausstellungen, gefallen hat mir vor allem auch dieses Gefunkel.

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