Tillmann Damrau

Bekehrung

Vergangenen Freitag, am frühen Abend, habe ich eine veritable Bekehrung erfahren. Das Erlebnis hatte sich zwar angekündigt, dennoch traf es mich unerwartet. Als Proselyt drängt es mich nun wie alle Neubekehrten zum Bekenntnis, ich möchte deshalb hier ein Lob der Acrylfarbe, speziell der „Expert-Serie“ der Firma Royal Talens Amsterdam vortragen.

Bisher ist es für mich unvorstellbar gewesen, mit Acrylfarben zu malen. Frühere Versuche habe ich immer unbefriedigend empfunden, sowohl die Arbeit selbst als auch das Ergebnis. Acrylfarbe hatte nicht die cremige Fülle von Ölfarben, die Töne waren oft kreidig, ohne Tiefe und Kraft, die Oberflächen gummiartig und stumpf. Wenn ich mit Farbe in wässriger Verdünnung arbeiten wollte, benutzte ich Tempera, selbst angeteigt mit einer Emulsion aus Wasser, Ei und Öl. Malen hieß für mich lange in fast rigider Ausschließlichkeit, mit ölgebundenen Farben zu malen.

Letzten Herbst allerdings legte ich mir, durch ein Sonderangebot verführt, einen Satz Acrylfarben besserer Qualität zu. Die neuen Farben wurden bis vor kurzem wenig verwendet, sie dienten mir hauptsächlich als Ersatz für die eher selten genutzte Temperafarbe.

Diesen Winter hatte ich oft damit zu kämpfen, dass ich nach stundenlanger Arbeit mit Ölfarbe und Kunstharzmalmitteln völlig benommen von den Dämpfen aus dem Atelier nach Hause kam. Im Winter bei ständig geöffneten Fenstern zu arbeiten, mochte ich mir und auch der Nachbarschaft nicht zumuten, die sich mit meinen musikalischen Vorlieben hätte anfreunden müssen.

Letzten Donnerstag dann habe ich mich entschlossen ein Schiff und die es umgebende See in einem Bild nicht wie gewohnt in Öl auszuführen, sondern mit Acrylfarben zu malen. Schon die Arbeit an dem Schiff ging spielerisch beschwingt voran. Alles, was mir bisher nur mit Ölfarben möglich schien, ließ sich auch mit den neuen Acrylfarben machen: die Farben deckend, flächig vermalen oder pastos zu schrundigen Oberflächen zu schichten, sie dabei wahlweise aufeinander zu setzen oder ineinander zu ziehen. Schaben, spachteln, pinseln, kratzen oder mit dem Lappen und der Zeichenkohle in die Farbe gehen, alles war möglich und dazuhin sonderbar leicht – auch das zügige Abbinden der Farbe, zuvor oft als störend empfunden, erleichterte den Fortgang der Arbeit.

Schiff

Am folgenden Tag, dem Freitag, als ich die Arbeit an Schiff und See abschließen wollte, steigerte sich die Arbeitslust zu jenem Bekehrungserlebnis, das mich in einen überzeugten Anhänger des Malens mit Acrylfarbe verwandelte. Hingerissen stand ich vor dem bunten Ergebnis meiner Arbeit, staunend, dass mir mit Acrylfarben etwas leichthin gelungen war, das mir zuvor nur mit Ölfarben möglich schien.

die-kueste

Tillmann Damrau, DIE KÜSTE, 2009, 150 x 200 cm

P.S.: Nüchtern möchte ich anfügen, dass für die Wahl der Farben gilt, was für die Wahl von Arbeitsmaterialien insgesamt festzuhalten ist: wenn möglich, sollte dabei nicht geknausert werden.

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