Ausstellung

Obsessionen

 

Das neue Jahr hat für mich in Berlin begonnen. Dort wollte ich vor allem die Ausstellung R.B. Kitaj – Obsessionen 1932-2007 besuchen. Die Ausstellung im Jüdischen Museum Berlin hängt noch bis zum siebenundzwanzigsten Januar, es ist die erste Retrospektive zum Werk von R.B. Kitaj seit dem Tod des Künstlers im Jahr 2007. Von Juli bis Oktober 2013 wird sie dann in der Hamburger Kunsthalle zu sehen sein. An zwei Tagen bin ich jeweils für mehrere Stunden in der Ausstellung gewesen, fasziniert, aufgeregt, hingerissen.

R.B. Kitaj, war ein amerikanischer Maler, 1932 geboren in Cleveland, Ohio. Nach Jahren als Seemann auf Handelsschiffen studierte er Kunst, zunächst in New York und nach einem Intermezzo als GI in Darmstadt und Fontainebleau auch in Wien, Oxford und London, wo er am Royal College of Art auf David Hockney traf, mit dem ihn eine lebenslange Freundschaft verbinden sollte. In London wohnte Kitaj dann auch die längste Zeit seines Lebens. 1997 schließlich verließ er England wieder um nach Los Angeles zu ziehen, wo er sich kurz vor seinem fünfundsiebzigsten Geburtstag das Leben nahm – seine Erkrankung an Morbus Parkinson hat wohl den Ausschlag gegeben.

 

R.B. Kitaj (1932-2007) © R.B. Kitaj Estate. UCLA Center for Jewish Studies, Los Angeles, Foto: Lewinsky

R.B. Kitaj (1932-2007) © R.B. Kitaj Estate.
UCLA Center for Jewish Studies, Los Angeles, Foto: Lewinsky. Mit freundl. Genehmigung/with kind permission.

 

Kitaj war über Jahrzehnte sicher einer der wichtigen Anreger der Londoner und der internationalen Kunstszene, so prägte er 1976 im Katalog zu der von ihm kuratierten Ausstellung „The Human Clay“ die Bezeichnung „School of London“ für eine Gruppe mehr oder weniger freundschaftlich verbundener, vor allem aber figurativ arbeitender Künstler wie Frank Auerbach, Leon Kossoff, Francis Bacon, Lucian Freud, Euan Uglow, Michael Andrews und Reginald Gray. Recht früh erfolgreich, war Kitaj in den Neunzehnhundertsechzigerjahren einer der einflussreichsten Künstler der Britischen Pop-Art und ohne Zweifel haben auch die Schübe der Erneuerung figurativer Malerei in den Neunzehnhundertachtziger- und Zweitausenderjahren einiges ihm zu verdanken.

Mit neunzehn, kurz nach Ende meiner Schulzeit, habe ich R.B. Kitaj durch einen Katalog für mich entdeckt – im damals noch geteilten Berlin, beim Stöbern im Bücherbogen am Savignyplatz. Seitdem sind mir Person und Werk immer nahe gewesen. Später, noch als Student an der Kunstakademie in München habe ich ihm einmal einen Stapel recht unprofessioneller Fotos von meinen Zeichnungen zugeschickt, die er mir, von der Marlborough Gallery London sorgfältig verpackt, zusammen mit einem anfeuernden Kartengruß wieder zurückgeschickt hat. Ende 2005 oder Anfang 2006 habe ich ihm meinen ersten umfangreicheren Katalog nach Los Angeles geschickt, auch dieses Mal kam eine Postkarte zurück – Dank für die Zusendung mit der ihm eigenen Herzlichkeit und dann ein irgendwie melancholischer Schluss: “I am getting old now and painting my last years here in Los Angeles among my sons and grandsons.” Nicht ganz zwei Jahre danach war er tot.

Kitaj war kein Schnellmaler, seine Bilder entstanden oft langsam, an vielen malte er über Jahre. Sein Werk ist für heutige Verhältnisse überschaubar, 1072 Positionen zählt das Verzeichnis von Marco Livingstone. Auch die mittlerweile gängigen Riesenformate finden sich bei ihm nicht, nur selten werden zwei Meter bei der Kantenlänge eines Bildes überschritten.

Seit den Neunzehnhundertsiebzigerjahren thematisierte Kitaj mehr und mehr seine jüdische Herkunft. Kitaj verstand sich ausdrücklich als jüdischer Künstler und seine Kunst als jüdische Kunst. Er sah seine Kunst als Beitrag zum jüdischen Selbstverständnis vor dem Hintergrund der jüdischen Überlieferung, der jüdischen Moderne, der Diaspora und der Shoah. Dem grandiosen jüdischen Beitrag zu Literatur und Wissenschaft, wollte er jenseits aller Folklore eine von jüdischem Selbstbewusstsein geprägte, skeptische, diasporistische Kunst (a skeptical Diasporist art) hinzufügen.

Bei Kitaj haben mich von Anfang an Werk und Person fasziniert. In seinen Bildern fanden sich Lösungen, die sich als Probleme in meinen Schülerarbeiten damals – 1980, als ich in Berlin auf den Katalog seiner Ausstellung 1970 in der Kestnergesellschaft Hannover gestoßen war – bestenfalls ungelenk andeuteten. Kitaj arbeitete mit der Auflösung des einheitlichen Bildraumes zu Gunsten einer polyzentrischen Bildkomposition, bei der sich Räumlichkeit und Flächigkeit spielend verbanden – zu einem interaktiven Bildraum »avant la lettre« quasi.

Demgegenüber präsentieren multimediale Bildformen optionale Handlungsräume, deren mögliche Realitäten in Zeit und Raum flexibel auf die Bedürfnisse des medienvermittelten Sehens eingestellt werden können. Die Bildformen dokumentieren also nicht das Vorhandene, sondern sie folgen pragmatischen Bedürfnissen nach der aktual sinnvollsten Orientierung. (SCHELSKE 2005)

Er realisierte eine ungezwungene Variation der Bildsprachen, die Verbindung von Gesehenem mit Erfundenem sowie eine eigenwillige Verschränkung von ausgeprägter Zeichnung und einer betont flächigen, dabei subtil modulierten, meist leuchtenden Lokalfarbe. Dazu gelang ihm die Überwindung der Trennung von Ornament, Abstraktion und Figuration, kurz, die Bilder waren Zeugnisse einer unglaublichen künstlerischen Beweglichkeit, Freiheit. Sie strahlten für mein Empfinden geradezu von Vitalität, Neugier und Intelligenz. Einiges davon ließe sich auch für Arbeiten anderer, etwas jüngerer Künstler, wie zum Beispiel die seiner Freunde Jim Dine oder David Hockney, reklamieren, trotzdem sind seine unglaublich dichten, durchgearbeiteten Bilder singulär.

 

R.B. Kitaj; Juan de la Cruz, 1967© R.B. Kitaj Estate. Astrup Fearnley Museum of Modern Art, Oslo

R.B. Kitaj; Juan de la Cruz, 1967, Öl auf Leinwand, 183 x 152,5 cm, 72 x 60″
© R.B. Kitaj Estate. Astrup Fearnley Museum of Modern Art, Oslo. Mit freundl. Genehmigung/with kind permission.

 

Kitaj verbindet die Sensitivität für die handwerkliche Seite seiner Kunst mit einem ausgeprägten Sinn für den Assoziationsreichtum, das narrative Potenzial von Bildern. Kitaj war nicht nur bibliophil, er war ein Bibliomane. Bücher waren für seine Kunst immer essenziell, Leseerfahrungen waren ihm Lebenserfahrungen. Seine Bilder verweisen auf Filme, Fotos, Bücher, Zeitschriften, Orte, Freunde, Erlebtes, historische Begebenheiten, Kunstgeschichte und … und … und … . Kitaj hat nie gezögert Quellen seiner Bilder offen legen, schon sein erster Katalog hatte den Titel ”Pictures with Commentary, Pictures without Commentary“. Bilder gehörten für ihn eher zum Paradigma der Entzifferung als zum Paradigma der Offenbarung, sie bedurften der Exegese, wie Texte, wie die Schrift. In Abschnitt 22 seines „Second Diasporist Manifesto“ zitiert er Gershom Scholem mit dem Satz, ”The gates of exegesis are never closed.“ So verwundert es nicht, dass zu vielen seiner Bilder von ihm selbst verfasste „Vorworte“ existieren, kurze Texte, in denen er Anlass und Quellen der Bilder nannte. Dabei hielt er seine Interpretationen keineswegs für die letztgültigen, auch andere waren für ihn durchaus zulässig. Bereits 1987 in einem Interview mit Michael Peppiatt schloss er das Gespräch über die Varietät möglicher Interpretationen seiner Bilder mit dem Verweis auf die Tradition jüdischer Textexegese, ”The Great Zohar which is part oft the Kaballah says ‚This book changes its meaning every year.‘ Everything is in flux.“

Der Forderung, Bilder hätten aus sich selbst heraus verständlich zu sein, intuitiv am besten, erteilte er eine schroffe Absage, zu recht, verkennt diese Forderung doch die kulturelle und individuelle Bedingtheit unseres Bildverständnisses, außerdem die den Bildern eigene Bedeutungsvielfalt und Bedeutungsunschärfe.

Wer mit bildhaften Symbolen konfrontiert ist aber […] nach einem Alphabet und  Vokabular wohlunterschiedener Zeichen sucht, versteht die Objekte nicht als Bilder. (SCHOLZ 2004)

R.B. Kitaj  verbindet in seinem Werk eine eminente malerische Sensibilität mit narrativer Komplexität zu einem neuartigen Typ Historienmalerei, die unsere Geschichte eher von den Rändern und ihren Brüchen her und aus der Perspektive dezidierter Involviertheit zeigt, das macht die Kunst von Kitaj so besonders, so einzigartig, so aufregend.

 

 

Quellen:

R.B. Kitaj, Katalog, Kestner-Gesellschaft, Hannover 1970

KITAJ, Katalog,  Smithonian Institution 1981, Kunsthalle Düsseldorf 1982, Reprint, Thames and Hudson, London (UK) 1984

Obsessionen – R.B. Kitaj 1932-2007, Katalog, Jüdisches Museum Berlin, Kerber Art, Bielefeld 2012

KITAJ, R. B.; A Diaspora in London, Interview mit Michael Peppiatt,  Art International, Autumn 1987, S.34 ff.

KITAJ, R. B.; Erstes Manifest des Diasporismus, Arche, Zürich(CH) 1988

KITAJ, R. B.; Second Diasporist Manifesto, Yale University Press, New Haven (US) u. London (UK) 2007

LAMBIRTH, ANDREW; Kitaj, Philip Wilson Publishers, London (UK)  2004

LIVINGSTONE, MARCO; KITAJ, Phaidon Press, London (UK) u. New York (US) 2010

SCHELSKE, ANDREAS; Bild als Link: Die gesellschaftliche Pragmatik der Bilder in multimedialen Systemen, in SACHS-HOMBACH, KLAUS (Hg.);Bildwissenschaft, Herbert von Halem Verlag, Köln 2005

SCHOLZ, OLIVER, R.; Bild, Darstellung, Zeichen, Klostermann, Frankfurt am Main 2004

 

 

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