Gedacht

… ever been to Omaha?

Am 31. Oktober 2008 habe ich mich bei Facebook registriert, dann einige Angaben zu mir und ein Foto hochgeladen und erst einmal gewartet. Am 16. November 2008 kam dann die erste Freundschaftsanfrage, ansonsten blieb es ruhig. Ich habe der Seite, meiner Seite, dann weiter keine besondere Aufmerksamkeit mehr gewidmet. Das hat sich aber dieses Frühjahr, eigentlich erst in den letzten Wochen, sehr entschieden geändert.

Ich habe begonnen, die diversen Möglichkeiten meines Accounts zu sichten und weitgehend auch zu nutzen, auf meinem Mobiltelefon ist mittlerweile dafür ein direkter Zugang eingerichtet. Ich habe den Bestand meiner E-Mail-Adressen genutzt um Leute, die ich kenne, bei Facebook zu finden. Zum Teil habe ich einfach mit Hilfe der Suchfunktion nach Namen gesucht, dabei wurde mir deutlich, wie wenige von denen, die ich kenne, Facebook nutzen. Schließlich habe ich auch mein Blog mit einem Link zu meiner Facebookseite verziert.

Ich habe weitere Freundschaftsanfragen bekommen, bestätigt und verschickt, schüchtern zuerst, dann wagemutiger, ein paar davon sind noch unbeantwortet. Gestaunt habe ich, dass Leute, von denen ich das nie erwartet hätte, ganz selbstverständlich Freundschaftsanfragen kommentiert und E-Mails beantwortet haben. Ich besuche jetzt die Seiten von mir wildfremden Menschen, mit denen ich neuerdings „befreundet“ bin, die ich jedoch noch nie im Leben gesehen habe, deren Interessen und Vorlieben ich oft nicht teile, die ich nur auf Grund ihrer Selbstbeschreibung und dessen, was sie mir sonst noch zugänglich machen, kenne, denen ich mich dennoch jetzt auf eigenartige Weise wirklich verbunden fühle.

Dazuhin bieten Seiten wie Facebook die Möglichkeit bestehende oder, der Lebensumstände wegen, eingeschlafene Freundschaften mit einem guten Schuss Gaudium zu beleben, zu pflegen und zu entwickeln.

Ich freue mich über Mitteilungen, Empfehlungen und Einladungen zu Events, Konzerten, Ausstellungen, die ich höchstwahrscheinlich nie besuchen werde, weil sie zu weit entfernt stattfinden, die Termine bereits verplant sind , oder, weil schlicht mein Interesse daran nicht ausreichend groß ist. Links, die mitgeteilt werden, nutze ich neugierig zum Besuch weiterer, mir unbekannter Seiten, zur Reise durch die fabelhafte Welt des Web 2.0 – eine Reise um die Welt in 80 Tagen, scheint mir dagegen ein Unternehmen von trostloser Effizienz.

Einer der häufigsten Einwände gegen die sozialen Netzwerke des Web 2.0 ist, dass die Kontakte gar keine Kontakte sind und Worte wie Freund, Freundin, Freundschaft reichlich übertrieben anmuten angesichts von Bekanntschaften, denen man oft nicht wenigstens einmal, kurz zumindest, leibhaftig begegnet ist und mit denen man sich allenfalls sporadisch und dann auch meistens nur knapp austauscht. Sicher, wer ausnahmslos Freundschaft im Sinne romantischer Seelenintimität sucht und verlangt, ist bei Facebook und vergleichbaren Online-Netzwerken nicht gut aufgehoben. Dass Freundschaften dieser Art sich ergeben, auch über geografische Riesendistanzen hinweg, ist aber vorstellbar.

Auch bisher waren uns nicht alle, mit denen wir bekannt waren, gleichermaßen nah. Immer gab es Unterschiede der Distanz und der Vertrautheit in unseren Beziehungen mit anderen. Unsere Kultur hat Umgangsformen entwickelt und modifiziert, die uns helfen Nähe und Distanz zu anderen Menschen zu regulieren, Regeln, die Kontakt und Austausch, Verbindlichkeit und Offenheit ohne Selbstpreisgabe erlauben und die Grenzen der Gemeinschaft (H. Plessner) skizzieren. Die boomenden sozialen Online-Netzwerke verändern unser Verständnis von Nähe, Distanz, Privatem, Verbindlichkeit, Öffentlichkeit und initiieren damit neue, vitale Formen der Gemeinschaft , „für ewig andrängende Mächte muss Spielraum vorhanden sein, elastische biegsame Formen, Stufen, ein ganzes offenes System von Möglichkeiten und Gewinnchancen, strenger gesagt, von Geltungschancen, damit jede Eigenart auf ihre Kosten kommen kann. Auch muss das System in sich so locker, so umbildungsfähig sein, dass dem schöpferischen Kopf die Erfindung neuer Formen möglich wird, die es dem unendlichen Fortgang und Umschwung des Lebens selber anpassen.“ ( Plessner, S. 87f)

Grant McCracken, mittlerweile auch ein „Freund“ von mir, hat letzthin in seinem Blog mitgeteilt, er habe in Omaha zu tun und gefragt, ob jemand Lust hätte, sich mit ihm dort auf einen Kaffee zu treffen. Leider war ich letzten Donnerstag nicht in Omaha, Nebraska. Have you ever been to Omaha? Dort wurde 1865 mit dem Bau eines anderen Netzes begonnen, dem der Union Pacific Railroad, die Eisenbahngesellschaft hat ihren Sitz dort bis heute. Als Junge habe ich einmal zu Weihnachten Buch geschenkt bekommen, dessen Umschlag auseinandergefaltet ein Plakat der Union Pacific zeigte. Ich war nie in Omaha, groß näher gekommen bin ich der Stadt auch nie und ich glaube auch nicht, dass ich je nach Omaha kommen werde. Trotzdem hat „Omaha“ für mich einen Klang, in dem seit Kindertagen ein Zauber mitschwingt, der für mein Empfinden auch dem Entstehen der Netzwerkgesellschaften innewohnt.

PLESSNER, HELMUTH; Die Grenzen der Gemeinschaft, (Suhrkamp Verlag) Frankfurt a. M. 2002

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