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Bummelei

Die deutsche Kunst des neunzehnten Jahrhunderts, insbesondere die Malerei, stand lange Zeit im Schatten des französischen Aufbruchs in die Moderne, von Impressionismus und Postimpressionismus. Erst die Postmoderne hat wieder breiteren Zugang zu dieser Kunst, ihren Eigenheiten und Qualitäten. Nicht zuletzt die Zeichnung verdankt ihr Herausragendes. Es gehört zu den guten Effekten der deutschen Kleinstaaterei und des Föderalismus, dass sich das Geistesleben dezentralisierte und die vielgeschmähte „Provinz“ es einer Vielzahl von Talenten ermöglichte sich zu entfalten. Dem korrespondieren oft Kunstsammlungen ganz eigener Charakteristik abseits der Metropolen, die nicht selten echte Trouvaillen sind. Deshalb hat es mich auch sehr gefreut, dass Sean Rainbird bei der Neuhängung der Staatsgalerie Stuttgart dem eher unbekannten und kauzigen Reinhold Nägele einen eigenen Raum eingerichtet hat.

Beim Gang durch die Säle des Museums Georg Schäfer in Schweinfurt, konnte ich mich des Eindrucks nicht erwehren, dass die ambitioniertesten Vertreter der deutschen Kunst im neunzehnten Jahrhundert irgendwie immer zu viel wollten und dass es das ist, was ihre Arbeiten oft so überladen, heillos überfrachtet und verquer erscheinen lässt . Besonders deutlich wird das im Vergleich mit den Franzosen des Impressionismus und Cézanne. Die Deutschen wollten am liebsten alles zugleich: naturalistische Wahrheit, Realismus und Idealität, gesteigerten Ausdruck und Maß, Anekdote und befreite Peinture, Farbe und Zeichnung, das Neue mit dem Segen des Alten. Selbst bei einer so eminent modernen Figur wie Max Beckmann, der in der Sammlung Schäfer auch mit einem Frühwerk, einer Kreuzigung, vertreten ist, wirkt noch diese Maßlosigkeit als Treibstoff.

Das Bild „Perseus und Andromeda“ aus dem Jahr 1900 von Lovis Corinth macht vielleicht anschaulich was ich meine. Das Thema Perseus und Andromeda“ , die Schöne, die vom Starken vor den Klauen eines Untieres gerettet wird, ist ein Klassiker und wird bis heute in Variationen interpretiert.

Lovis Corinth, Perseus und Andromeda, 1900, Museum Georg Schäfer, Schweinfurt

Lovis Corinth, PERSEUS UND ANDROMEDA, 1900, Museum Georg Schäfer, Schweinfurt

Als ich vor dem Bild von Corinth stand dachte ich zuerst: „Jux und Dollerei im Atelier“.

Der gerade geretteten Frau, Andromeda, auf dem Bauch eines offensichtlich abgestochenen, krokodilartigen Reptils wie auf einer Luftmatratze stehend, vom linken Handgelenk baumelt noch ein Rest der gesprengten Ketten, wird von dem hinter ihr knienden Adoranten, einem Ritter mit rotem Lendentuch und herabgelassenem Visier, Perseus, ein Umhang zugereicht. Rechts ist der Fels zu sehen an den die Schöne der Sage nach geschmiedet war, am linken Bildrand zieht es den Blick vom Vordergrund in die Tiefe des Bildraumes, wo sich am hochgelegenen Horizont Meer und Himmel treffen.

Die Frau, ein Modell, das ohne Scheu, ein wenig kokett sogar, mit routinierter Nachlässigkeit, die geforderte Pose inszeniert und der Ritter, dessen galante Handlung so eigenartig kontrastiert mit seiner Montur, vor allen dem herabgelassenen Visier, das sein Profil ins Gimpelhafte wendet, scheinen unberührt vom Drama der Sage.

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